
:: One-Man-Show in Cinemascope ::
Thüringische Landeszeitung, 12.01.2006, Wolfgang Hirsch
"Und jetzt: Der Film!" Ein weißes Viereck flackert kurz auf der Leinwand, dann geht
der Projektor in die Knie. Finstere Stille. "Ha-allo!?" Saallicht an. "Herzlich
willkommen und Grüß Gott!" stammelt der Vorführer hilflos, als wäre eine Ansprache vorgesehen.
Zehn Jahre "Braveheart" im selben Provinzkino. Nonstop, siebenmal die Woche. Heute ist
die 3512. Vorstellung, aber alles anders als üblich. Beharrlich streikt der Projektor. Aus dem
Stegreif stottert der Vorführer schließlich: "So ich fang jetzt an. Und der Film kommt dazu,
wenn er kommt." - Der tapfere Mann mutiert zum Kinoerzähler, berichtet, spielt nach und
kommentiert, was zu sehen gewesen wäre.
"Braveheart", der schottische Hochlandklassiker mit Muskelmann Mel Gibson in der Titelrolle,
Oscar-gekrönt und als mittelalterliches Massengemetzel voll Vaterlandspathos und großem Gefühlskitsch
im kollektiven Filmgedächtnis verankert, passt so wunderbar zum Spielzeitmotto "Ich kämpfe"
am Theaterhaus Jena, dass Schauspieler Bernhard Dechant, Regisseurin Alice Buddeberg und Dramaturg
Marcel Klett per Improvisation ein Stück daraus entwickelt haben. Dechant ist Braveheart, der
verhinderte Heros, und zappelt durch seine One-Man-Show im Cinemascope-Format, eingekeilt zwischen
Befangenheit vor der Situation und Begeisterung für das Leinwandepos.
Für nichts ist er sich zu schade, er malt pantomimisch die Highlands nach, mimt eine Schafherde,
müht sich mit einem Dudelsack ab. Und entwächst vor 36 Zuschauern im ausverkauften Jenaer Malsaal
seinem bedrückenden Alltag - zum imaginären Helden mit Kilt, Kriegsbemalung und kolossalem Bihänder.
Die Rolle ist Dechant auf den Leib geschrieben. Wahrlich kein Großschauspieler, bemüht er sich
redlich, das einsame Männlein in seiner grotesken, alles Heroische konterkarierenden Rolle seines
Lebens zu geben. Er spielt den Dilettanten, Chapeau!, ist aber keiner. Er hat große Momente, wenn´s
um die Liebe geht und er die eigenen kleinen Niederlagen in der Wirklichkeit eingesteht.
Und kleine, wenn, was komisch gedacht war, nur peinlich wirkt - wie der dramaturgisch angeklebte
Schluss, als der Braveheart-Hänfling von seiner pragmatischen, nörgeligen Ehefrau aus seiner
großartigen Traumwelt zurück in die miese Realität gerissen wird.
Das Jenaer Stückwerk stören einige Defizite; besonders die Lebenssituation des Solo-Helden -
abgebrochener Psychologiestudent, kleiner Provinzkinobetreiber - erhält viel zu pauschalen Charakter.
Bernhard Dechant jedoch schlägt sich überaus wacker, entfaltet Dynamik und Originalität, ist
über 90 Minuten voll Seelenglut bei der Sache. Man muss, um das Stück zu verstehen, den
Film nicht vorher gesehen haben. Und nachher möchte man auch nicht mehr.

:: Braveheart schlägt in Jena ::
Ostthüringer Zeitung, 12.1.2006, Ulrike Merkel
Premiere für "Braveheart" am Theaterhaus Jena
Erst Werbung, dann "Braveheart", so verliefen die letzten zehn Jahre des Filmvorführers.
Doch Dienstagabend versagt plötzlich der Vorführapparat. Der introvertierte Mann versucht noch das
Gerät zu reparieren. Aber nach allerlei Geklapper, Flüchen und Entschuldigungen gibt er auf.
Nun beginnt die Ein-Mann-Show von Schauspieler Bernhard Dechant, der diesen Filmvorführer im
Malsaal des Theaterhauses Jena darstellt.
Der Vorführer entschließt sich, das Heldenepos fürs Publikum nachzuerzählen - aus seiner
Perspektive als gescheiterter Psychologiestudent, Liebestrottel und großer Pathosfan.
Er schlüpft dabei in die Rolle des jungen William Wallaces, der mit seinem Vater in den
Freiheitskampf für Schottland ziehen will und einen quäkenden Wutausbruch bekommt, als
ihm dies verboten wird. Er spielt den antiautoritären Onkel, der sich nach dem Tode des
Vaters des jähzornigen Buben annimmt. Er verkörpert ebenso den englischen Widersacher,
König Edward I., einen an Keuchhusten leidenden Giftzwerg. Jedem Charakter schenkt Bernhard
Dechant eine komisch-verschrobene Attitüde, so dass die Inszenierung von Alice Buddeberg
zum grotesken Amüsement gerät. Dass die Premiere nicht durchgängig das hohe Niveau der
Unterhaltung hält, liegt an den überflüssigen Ausflügen ins Leben des Vorführers und der
am Ende schwer darzustellenden Schlachtszene. Dechant kann alle Figuren bravourös spielen,
nur eben keine Massen.

:: Braveheart schlägt in Jena ::
Thüringer Allgemeine, 12.01.06, Bodo Baake
Es schlägt das kleine Herz des Filmvorführers für das Epos "Braveheart", dem er
sein Kino und Leben geweiht hat. Und ausgerechnet in der Jubiläumsaufführung streikt der Projektor.
Das Jenaer Theaterhaus machte aus diesem Malheur eine kleine Produktion für seinen
Vorstadtkino-Malsaa: in der Regie von Alice Buddenberg ein gutgelauntes Solo für Bernhard Dechant.
Der Projektor ist im Eimer, Mann ist fertig. Er stammelt, rennt, ruft und beginnt in komischer
Verzweiflung und heiligem Eifer den Film zu erzählen, seinem Publikum, nun ja, ans Herz zu legen.
Er spielt Landschaft, Hügel, Regen, Blitz und Schaf, ist Onkel, König und Highlander.
In dem abgebrochenen Studenten wächst ein schottischer Freiheitsheld und greift zum Schwert.
Das hat den Charme der Unbeholfenheit, der wunderlich heldisches Pathos in Wiener Dialekt ertränkt.
Und es hat schauspielerisch zwei, drei Leerstellen. Schöne Schlussironie:
Es tritt auf die Freundin (Josefine Jochum) und holt den Helden heim ins Leben.
|